Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2010 (Longlist)

Alina Bronsky, Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche (Kiepenheuer & Witsch, August 2010)

Jan Faktor, Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag (Kiepenheuer & Witsch, März 2010)

Nino Haratischwili, Juja (Verbrecher Verlag, März 2010)

Thomas Hettche, Die Liebe der Väter (Kiepenheuer & Witsch, August 2010)

Michael Kleeberg, Das amerikanische Hospital (DVA, August 2010)

Michael Köhlmeier, Madalyn (Carl Hanser Verlag, August 2010)

Thomas Lehr, September. Fata Morgana (Carl Hanser Verlag, August 2010)

Mariana Leky, Die Herrenausstatterin (DuMont Buchverlag, Februar 2010)

Nicol Ljubi?, Meeresstille (Hoffmann und Campe, February 2010)

Kristof Magnusson, Das war ich nicht (Verlag Antje Kunstmann, Januar 2010)

Andreas Maier, Das Zimmer (Suhrkamp Verlag, September 2010)

Olga Martynova, Sogar Papageien überleben uns (Droschl Literaturverlag, Januar 2010)

Martin Mosebach, Was davor geschah (Carl Hanser Verlag, August 2010)

Melinda Nadj Abonji, Tauben fliegen auf (Jung und Jung Verlag, August 2010)

Doron Rabinovici, Andernorts (Suhrkamp Verlag, August 2010)

Hans Joachim Schädlich, Kokoschkins Reise (Rowohlt Verlag, März 2010)

Andreas Schäfer, Wir vier (DuMont Buchverlag, Februar 2010)

Peter Wawerzinek, Rabenliebe (Galiani Berlin, August 2010)

Judith Zander, Dinge, die wir heute sagten (Deutscher Taschenbuchverlag, September 2010)

Joachim Zelter, Der Ministerpräsident (Klöpfer & Meyer Verlag, August 2010)

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Mehr zum Buchpreis gibt es hier, Leseproben aller nominierten Bücher auf Libreka.

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Ich habe nur ein einziges dieser Bücher gelesen, nämlich Kristof Magnusson, und von Köhlmeier ein anderes Buch, Idylle mit ertrinkendem Hund. Und Mariana Leky steht schon lange auf meinem Wunschzettel. Vom Rest habe ich teilweise nicht mal gehört, würde sie aber am liebsten sofort alle lesen.

Jahrestagung der Literaturübersetzer, Wolfenbüttel, Juni 2010

Zum Übersetzen braucht man Talent und Handwerkszeug. Talent hat man, oder man hat es nicht, Handwerkszeug kann man lernen. Zum Beispiel auf der Jahrestagung des Literaturübersetzerverbands VdÜ.

Der durchschnittliche Übersetzer sitzt 362 Tage im Jahr allein zu Hause an seinem Schreibtisch. Die restlichen drei Tage des Jahres verbringt er in Wolfenbüttel, einer beschaulichen Kleinstadt in Niedersachsen, in der Nähe von Braunschweig. Als die VdÜ-Jahrestagung vor sieben Jahren zum ersten Mal in Wolfenbüttel stattfand, betraten wir zu dritt, alle unter vierzig, die Touristeninformation, als eine Angestellte gerade in ihr Telefon sprach: „Irgendwie dachte ich, die Übersetzer sind lauter verhutzelte alle Männer.“ Ihr Blick fiel auf uns, und wir mussten allesamt lachen. Seitdem haben die Wolfenbütteler sich an uns gewöhnt und wir uns an sie; sie denken nicht mehr, wir wären lauter alte Hutzelmännchen, und wir kichern nicht mehr über „Was Bismarck unter den Fürsten, ist Mecky’s Wurst unter den Würsten“.
Als Dank für die Gastfreundschaft geben wir der Stadt freitags mittags immer zuerst ein kleines Konzert mit dem Titel „Konzert für 180 Rollkoffer auf Kopfsteinpflaster“, begleitet von freudigen Begrüßungen, schließlich haben die meisten sich 362 Tage lang nicht gesehen. Die Tagung selbst beginnt diesmal damit, dass sie nicht beginnen kann; unser Vorsitzender Hinrich Schmidt-Henkel und ein Vertreter der Stadt begrüßen uns, aber der Herr, der den Einstiegvortrag halten soll, ist nicht da. Kollege Hartmut Fähndrich springt ein; er schüttelt einfach einen launigen und hochinteressanten Ersatzvortrag über die Übersetzungsgeschichte der „Märchen aus 1001 Nacht“ und wie diese „Übersetzungen“ bis heute unser Orientbild prägen aus dem Ärmel. Sehr beeindruckend.
Am Freitag Abend findet traditionell das Lesefest statt, bei dem in vier verschiedenen Räumen zu vier verschiedenen Themen jeweils vier Kolleginnen lesen. Dieses Jahr gab es „Meilensteine meiner Laufbahn“, eine Lesung mit Texten, in denen es um Musik geht und eine mit populären Sachbüchern. Ich war bei „Elfen, Geister und Vampire“, der Fantasylesung, die sehr schön und für mich neu war, denn Fantasy hat mich nie sonderlich interessiert. (Und tut es, ehrlich gesagt, immer noch nicht, obwohl die Lesung ebenso spannend wie lustig war.)
Samstag ist Workshoptag: jeweils acht Workshops am Vormittag und ebensoviele am Nachmittag stehen zur Auswahl, dieses Jahr geht es von der Tempusverwendung im Arabischen über die Kunst des Moderierens und Taiji/Qigong bis zur Internetrecherche, das Angebot ist jedes Jahr anders. Es waren schon Polizeikommissare da und haben uns etwas über Waffen erklärt, oder jemand von der Spielbank, der uns Pokern und Roulette beibrachte; einmal konnte man erfahren, wie amerikanische Sportarten funktionieren (Baseball! Football!), einmal etwas über das amerikanische Schul- und Hochschulsystem, vor Jahren gab es sogar mal einen Sex-Workshop (ohne praktische Anwendungsbeispiele, angeblich) – alles wiederkehrende Themen in der Literatur. Dann gibt es natürlich reichlich Workshops zur deutschen Sprache: Metaphern, Konjunktiv, Relativsätze, Tempus, Anglizismen. Und immer einen für eine „kleine“ Sprache, damit nicht immer nur die Englisch-Übersetzer zum Zuge kommen. Ich habe dieses Jahr in „Frust und Freude mit Futilitäten“ Limericks und Schüttelreime und Anagramme geschrieben und dabei viel gekichert. Nicht, dass wir das beim Übersetzen konkret dauernd bräuchten, aber gelegentliche Lockerungsübungen halten das Gehirn gelenkig.
Am Samstag Abend wird gefeiert. Es gibt zwei zweijährlich vergebene Übersetzerpreise, die im Wechsel bei unserer Jahrestagung in Wolfenbüttel verliehen werden. Zum einen der Hieronymusring, das ist gewissermaßen unser interner Wanderpokal; ein Ring, der jeweils von einer Übersetzerin an eine Kollegin weitergereicht wird, die sie für besonders preiswürdig hält. Für viele ist das der ehrenvollste Preis – zwar nicht dotiert, aber Komplimente von Kollegen sind besonders wertvoll. Der Ring ist auch ein Zeichen dafür, dass wir Kollegen sind und nicht in erster Linie Konkurrenten. Im Wechsel mit dem Hieronymusring wird der Helmut M. Braem-Preis verliehen, den in diesem Jahr Vera Bischitzky für ihre Neuübersetzung von Gogols „Tote Seelen“ erhielt. Der Preis ist mit 12.000 € dotiert und wird vom Freundeskreis zur internationalen Förderung literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen vergeben. Wie immer, wollte ich auch in diesem Jahr das gepriesene Buch sofort lesen.
Nach der Preisverleihung wird gefeiert. So richtig, mit lauter Musik von den DJs Lang und Scheidt und mit Tanz bis um drei. Als kurz vor Schluss „So many men“ läuft, gibt es ein bisschen Gelächter auf der Tanzfläche.
Am Sonntag Morgen sind dann alle ein wenig erschöpft, erscheinen aber trotzdem pünktlich zur traditionellen Sonntagsveranstaltung „Ein Autor trifft seine Übersetzer“, einem Podiumsgspräch mit jeweils einem deutschen Autor und zwei bis dreien seiner Übersetzer in andere Sprachen. Dieses Jahr plaudern Wilhelm Genazino, sein niederländischer Übersetzer Gerrit Brussink und seine Übersetzerin ins Französische, Anne Weber, sehr charmant und anregend über die Übersetzung von „Die Liebesblödigkeit“. Genazino stellt fest, dass echter Humor immer aus dem Ernst erwachsen müsse, um nicht in dummen Witzen zu enden, und schließt: „Die Welt ist ja auch ironisch gemeint.“
Mit diesem Schlusswort im Ohr geben wir zum Abschied noch einmal das Rollkofferkonzert und entschwinden für die nächsten 362 Tage wieder an unsere Schreibtische.

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