Film: Paula

Kaum hat das Jahr angefangen, war ich schon im Kino. (Und im Musical und essen und auf einem Konzert, und ich habe eine Party geschmissen und ein Interview gegeben, dabei ist heute erst der neunte. Und ich sollte übersetzen, statt mich rumzutreiben. Jenun. Jetzt bin ich aber erstmal krank.) Im Kino habe ich Paula (Regie: Christian Schwochow) gesehen, ein Biopic über Paula Modersohn-Becker. Das passt ganz gut, weil wir dieses Jahr nach Worpswede wollen. Wie so Streber!
Paula Becker kommt um die vorletzte Jahrhundertwende als junge Frau nach Worpswede, um Malen zu lernen. Dummerweise ist sie erstens eine Frau, und Frauen können ja vielleicht auch ein bisschen malen, wenn sie denn wollen, aber sie können bitteschön keine Malerin sein. Zweitens malt Paula auch noch in ihrem eigenen Stil, moderner als der alte Mackensen es lehrt, und das passt ihm nun wirklich überhaupt nicht. Etwas entspannter sieht das sein Kollege Otto Modersohn; Paula und er verlieben sich und heiraten. Für ihn ist es die zweite Ehe, seine erste Frau ist gestorben. Die Ehe ist zunehmend katastrophal. Außerdem lässt er Paula zwar malen, wie sie will, aber in Worpswede kann sie nichts werden. Rainer Maria Rilke lockt sie schließlich nach Paris, wo sie ganz anders ernstgenommen wird und aufblüht, bis dann, na ja, ich plaudere das Ende nicht aus; gebildetere Leute als ich wissen, wie es mit Paula Modersohn-Becker weiterging, und wer es nicht weiß, kann den Film gucken.
Wie sag ich das jetzt? Das ist ein toller Film, es ist alles sehr, sehr schön anzugucken. Und das ist so ein bisschen das Problem: ich fand, der Film bemüht sich zu sehr um schöne Bilder. Es ist natürlich ein Film über eine Malerin, schöne Bilder sind also quasi das Thema, aber diese ganzen Landschaftsaufnahmen mit Nebel über dem Moor sind halt genauso klassisch und konventionell wie das, was Paula eben nicht will. Und dann kommen geradezu David-Hamilton-hafte Momente hinzu, wenn Paula und ihre Freundin Clara Westhoff etwa barfuß in weißen Kleidchen kichernd durchs Moor tanzen, du lieber Himmel. Außerdem hat mich Rilke fürchterlich irritiert, der praktisch als Witzfigur eingeführt wird. Das bessert sich zwar im Laufe des Films, aber es fällt einem schwer, das mitzuvollziehen. Allerdings macht Paula (Carla Juri) das durch ihre wirklich umwerfende Zauberhaftigkeit alles wieder wett. Also: Kann man sich gut angucken, aber für den ganz großen Wurf halte ich den Film jetzt nicht. Alles ein bisschen zu schön. Was eine Mäkelei auf wirklich hohem Niveau ist.

„Es gibt schreckliche Versuchungen. Und es erfordert Kraft, Ihnen nachzugeben.“

3 Kommentare

  1. Faltmann Sabine Montag, 9. Januar 2017 um 23:40 Uhr [Link]

    Danke für die Rezension. Hat mich neugierig gemacht, ich werde mir den Film ansehen :-)

    LG Sabine

  2. Sabine Dienstag, 10. Januar 2017 um 09:39 Uhr [Link]

    Das mit den allzu schönen Bildern ging mir genauso. Mich hat an dem Film aber noch etwas anderes ziemlich gestört: dass er sich so auf die Beziehungskiste konzentriert hat. Man hätte ja auch in den Vordergrund rücken können, was Paula als Künstlerin angetrieben hat und welche Probleme/Widerstände dabei zu überwinden waren. Das kommt zwar vor, aber irgendwie nur als Hintergrund – so wie sie dort ja im Grunde auch nur nach Paris geht, weil sie sexuell unbefriedigt ist. Übrigens hat sich der Film ganz schön viele biografische Freiheiten genommen. Sie war ja in Wirklichkeit viermal in Paris, und das hatte dann noch weniger mit Eheproblemen und noch mehr mit künstlerischen Zielen zu tun.
    Irgendwie ist bei mir der Eindruck geblieben, dass der Film seine Hauptfigur selbst als Künstlerin nicht so ernst genommen hat. Für einen ganz netten Kinobesuch reicht er trotzdem, fand ich.

  3. Michael Dienstag, 10. Januar 2017 um 17:52 Uhr [Link]

    Der Ausflug nach Worpswede ließe sich trefflich mit einem Besuch in Bremen verbinden. Die dortigen „Museen Böttcherstraße“ betreiben auch das Paula Modersohn-Becker Museum, ein Besuch lohnt sich.

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