Begabung

In den letzten Tagen outet sich ein kleiner Teil meines Internets als hochbegabt, und ein anderer, sehr viel größerer Teil macht sich darüber lustig. „Schuld“ an der Häme ist vermutlich eine bestimme Sorte Eltern, die sich wünscht, ihre Kinder wären hochbegabt, oder die versucht, die Macken ihrer Kinder damit zu erklären. Ich treibe mich nicht dauernd in Elternkreisen herum, ich habe keine Ahnung, was da so alles los ist, aber von meinen Freunden mit Kindern hat noch niemand „einfach so“ behauptet, sein Kind wäre hochbegabt. Wie dem auch sei, es kursiert da offenbar alles Mögliche an – ja, an was? Berührungsängsten? Oder woher kommt die Häme? Du lieber Himmel, wegen ein paar IQ-Punkten? Hier, Vorschlag: lockermachen. Vielleicht kann man das Thema mal ein bisschen sachlicher angehen („Mein Mann ist Lehrer!“).

Um mal vorne anzufangen: Die Verteilung der Intelligenz in der Bevölkerung folgt einer sogenannten Normalverteilung oder Gauß’schen Glockenkurve. Das sieht so aus:

gauss-kurve

In der Mitte, wo der höchste Punkt der Kurve ist, ist der Durchschnitt. Der IQ ist so angelegt, dass dieser Mittelwert als 100 IQ-Punkte gilt. Was bedeutet: da die Menschen immer intelligenter werden, ist ein IQ von 100 heute nicht mehr derselbe wie vor 100 Jahren, sondern liegt etwas darüber. Die Längsstriche rechts und links des langen Mittelstrichs markieren die sogenannten Standardabweichungen, die beim IQ als 15 Punkte festgelegt sind. (In Deutschland. Anderswo ist das teilweise anders.) Eine Standardabweichung nach oben und unten, also IQs zwischen 85 und 115 gelten als „normal“, das betrifft knapp 70% der Menschen. Bei der nächsten Standardabweichung nach unten, also IQs von 70 bis 85, spricht man von einer Lernbehinderung, und den nächsten Schritt nach oben, also 115-130 IQ-Punkte, nennt man „begabt“. In diesen großen Bereich von IQs von 70-130 Punkten fallen etwas mehr als 95% der Menschen.
Unter 70 IQ-Punkten spricht man von geistiger Behinderung, über 130 Punkten von Hochbegabung. Das betrifft jeweils gut 2% der Menschen.
Wenn ich jetzt mal überlege, wie viele Leute ich kenne, und wie viele davon einen akademischen Hintergrund haben (jaja, schon gut, das *muss* gar nichts heißen), oder wie viele ich auch ohne einen solchen für ziemlich schlau halte – „fix im Kopf“ oder „was die alles kann“ oder „wie schnell er das kapiert hat“ – dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass da ein paar Hochbegabte dabei sind, ziemlich hoch. Wenn ich mir meine Facebookfreunde und Twitter-Follower so angucke, und die Leute, deren Blogs ich lese, dann vermute ich, dass da relativ wenige mit zweistelligem IQ dabei sind. Das heißt, innerhalb meiner Peergroup dürfen deutlich mehr als 2% hochbegabt sein.

Und was bedeutet das jetzt, hochbegabt?

„Hochbegabt“ bedeutet, dass der messbare IQ relativ hoch ist, anders gesagt: dass jemand schneller Zahlenreihen vervollständigen kann als 98% der anderen. Es bedeutet natürlich rein gar nichts, was den Charakter angeht, soziale Kompetenz, Empathiefähigkeit und all das. Das alles hat mit dem IQ nichts zu tun.
Dummerweise geht ein hoher IQ aber gern mal mit unangenehmen Begleiterscheinungen einher, oder wie Meike sagt: er bringt seine doofen Freunde mit. Als da wären: das Gefühl, fehl am Platz zu sein, unverstanden zu sein, „anders“ zu sein, bis hin zu Schulversagen, ADHS, Depressionen, Selbstmordneigung und so weiter. Das ist bei weitem nicht immer so, viele Hochbegabte kommen prima glatt durchs Leben, aber der Anteil derer, die wegen ihrer anderen Denkweise das ein oder andere Problem bekommen, ist anscheinend relativ hoch.
Und wenn sie dann feststellen, dass ihre Probleme mit einer Hochbegabung zusammenhängen, dann ist das für viele eine große Erleichterung. Weil das Kind dann endlich einen Namen hat, und zwar einen, der nicht mal besonders schlimm klingt – wie super! Verblüffenderweise ist es sogar so, dass Selbstdiagnosen wohl sehr oft stimmen, ich habe mal mit jemandem gesprochen, der die Tests für Mensa leitet, und er sagte, dass annähernd alle, die zum Test gehen, auch tatsächlich hochbegabt sind. Man braucht sich also weder über Hochbegabung an sich, noch über Selbstdiagnosen lustig zu machen. Hochbegabung ist eine statistische Wahrscheinlichkeit, und von den Hochbegabten, die ich kenne (bzw. bei denen ich es zufällig weiß), hält sich niemand für etwas Besonderes. Aber alle sagen, dass ihnen verblüffend viel Hass und Häme entgegenschlägt und sie es deswegen lieber nicht „zugeben“. Meine Güte, als hätten sie was verbrochen.

Zu einer Normalverteilung gehört, dass ein paar eben am Rand sind. Es gibt Leute, die ziemlich schnell Zahlenreihen vervollständigen können. Das ist nicht schlimm und kein Grund für Vorwürfe, es ist vielmehr ganz normal, gewissermaßen. Es gibt auch Menschen, die größer oder kleiner sind als andere, manche sind homosexuell oder können die Zunge rollen, manche essen gern Rote Bete, manche sind gesund oder krank oder haben ein schlechtes Gedächtnis oder das absolute Gehör. Die Welt ist bunt, und sie wäre ein besserer Ort, wenn Unterschiede einfach akzeptiert würden. Denn sie sind nun mal da. Na und?

28 Kommentare

  1. Anne Dienstag, 11. Juni 2013 um 16:52 Uhr [Link]

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  2. Frau Meike Dienstag, 11. Juni 2013 um 16:55 Uhr [Link]

    Danke. Von ganzem Herzen.

  3. Mama arbeitet Dienstag, 11. Juni 2013 um 17:02 Uhr [Link]

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  4. roland Dienstag, 11. Juni 2013 um 17:15 Uhr [Link]

    Wenn ich da die Anranz-Kommentare bei Frau Meike lese, dann ist das für mich das ganz „normale“ Anstinken, das nun wirklich überall und bei jeder/m zu finden ist in beinahe allen Kommentarthreads.

    Derzeit frage ich mich auch: scheints macht es generell Riesenanstrengungen, von der eigenen Lebensweise/wahrnehmung zu abstrahieren und sich auf anders gelagerte Lebensweisen und -wahrnehmungen einzulassen oder diese sich schlicht auch nur vorzustellen. Da ist es dann fast egal, um was es geht oder woher jemand seine Weltsicht oder Selbstverständnis her bezieht (ich verstehe, um was es hier speziell ging, aber das Allgemeindings nervt mich schon geraume Zeit – und eigentlich auch schon wieder dies hier von mir selbst aufgestellte Pauschalaussage). Naja.

  5. Feathers McGraw Dienstag, 11. Juni 2013 um 17:26 Uhr [Link]

    Ich liebe die Kaltmamsell von Herzen, aber mir war ein bisschen ungut bei dem letzten Posting (und dem dazugehoerigen Kommentarstrang). Daher: Wirklich vielen, vielsten Dank hierfuer.

    • trippmadam Dienstag, 11. Juni 2013 um 20:46 Uhr [Link]

      Ich glaube, die Kaltmamsell und ihr Publikum (zu dem ich auch gehöre) spotten einfach nur gern, und zwar über alles und jeden. Kein Grund, sich graue Haare wachsen zu lassen.

      Abgesehen davon wurde mein Vertrauen in Intelligenztests erschüttert, als ich mal im Rahmen eines Uniprojekts an einem Test teilnahm, der speziell sprachliche Intelligenz messen sollte: Eine Frage habe ich falsch beantwortet, wobei ich dem Fachpersonal nachweisen konnte, dass die Frage falsch formuliert war. Sie wollten etwas anderes wissen, als sie gefragt hatten.

      (Übrigens bin ich der Meinung, dass mein sogenanntes Sprachtalent eine Art Inselbegabung ist. Etwas anderes kann ich definitiv nicht, deshalb bin ich ganz froh, dass es Leute gibt, die mich dafür bezahlen, dass ich so schön ausländisch reden kann.)

    • Isabel Bogdan Dienstag, 11. Juni 2013 um 22:52 Uhr [Link]

      Es ist ein schmaler Grat zwischen Spott und Häme. Von der Kaltmamsell habe ich auch eher Spott gelesen, in den Kommentaren wurde es dann teilweise schon recht hämisch. Und auf Twitter sowieso.

      Und klar sind Intelligenztests so eine Sache, zumal „Intelligenz“ ja auch nur ein Konstrukt ist, das an allen Ecken und Enden unzulänglich ist. Was so ein IQ-Test messen kann, ist ein winziger Teil der Persönlichkeit, der für Denksportaufgaben zuständig ist. Ich glaube, Kreativität wird gar nicht abgefragt, Sprachkompetenz nur ansatzweise, und alle möglichen anderen Persönlichkeitsbereiche wie Sozialkompetenz überhaupt nicht. In sofern natürlich alles mit Vorsicht zu genießen.

  6. dorothy_jane Dienstag, 11. Juni 2013 um 17:38 Uhr [Link]

    sehr schöner und sachlicher beitrag. herzlichen dank dafür.

    es gab vor einigen jahren eine kurz-reihe (wenn ich mich recht entsinne, waren es 3 folgen) der bbc zum thema intelliganz, intelligenztests und messbarkeit von intelligenz. dabei wurden menschen, die in ihren bereichen (kunst, mathe, handwerk, etc.) eine koryphäe waren, in eben allen diesen bereichen getestet. grund dafür war die argumentation, dass bei klassischen intelligenztests meist logik- und mathe-aufgaben gestellt werden und somit andere bereiche des gehirns ignoriert werden. dadurch werden also begabungen und „intelligenzen“ auf anderen gebieten nicht in den intelligenzquotienten einbezogen, was dessen aussage somit verfälscht. die bbc-menschen haben daher in ihrer dokumentation versucht eine art „allumfassenden intelligenztest“ zu gestalten, um zu versuchen, alle bereiche in einem iq-test zu erfassen.

    ich kann es nur sehr vereinfacht wiedergeben, logischerweise war das bei der bbc auch wissenschaftlich untermauert und erklärt. (ich würde einiges dafür geben, das nochmals anschauen zu können, weil es so wahnsinnig interessant und schlau war. ohne belehrend zu sein und ohne jemanden, sei es zuschauer oder dokumentierten, dumm hinzustellen.)

    • Anne Dienstag, 11. Juni 2013 um 17:52 Uhr [Link]

      Das erinnert mich daran, wie ich für die Ausbildungsstelle so einen standardisierten Test machen musste. Ein Teil war der Kreativteil, da gab es ein Blatt mit ganz vielen Kästchen und man sollte so viele Kästchen wie möglich mit irgendwas vollzeichnen. Ich bin übelst an der Aufgabe gescheitert, weil ich inspiriert durch die Kästchen, das ganze als ein Hochhaus gesehen habe und liebevoll Fenster draus gemacht habe, mit allem drum und dran. Dank der knapp bemessenen Zeit bin ich aber nicht weit gekommen. Ein Mit-Azubi erzählte mir später, er hätte voll gut abgeschnitten, weil er halt in jedes Kästchen ganz schnell irgendwas hingekritzelt hätte. Letztlich wissen wir’s nicht, aber wir kamen zu dem Schluss, dass wahrscheinlich nur die gefüllten Kästchen gezählt wurden.

      Was das mit Kreativität zu tun haben soll (erst recht unter Zeitdruck), erschließt sich mir irgendwie nicht.

      Vermutlich eignen sich Logik und Zahlen eben, weil das (nicht immer, aber meistens) nicht interpretierbar ist. Man darf auch nicht unterschätzen, dass gerade Logik eben auch in vielen anderen Disziplinen eine Rolle spielt, auch bei Sprache und Musik zum Beispiel.

      Was bleibt ist natürlich, dass man Intelligenz immer nur bis zu einem gewissen Unsicherheitsgrad messen kann, vor allem aber, dass es im Zweifelsfall egal ist. Erst dadurch, dass ja ein vermeintlicher „Wettbewerb“ entsteht, wird es ja zum Problem.

    • Barbara Mittwoch, 12. Juni 2013 um 21:55 Uhr [Link]

      War das nicht „Battle of the Brains“? Zumindest eine Folge kann man noch bei YouTube sehen http://www.youtube.com/watch?v=XuaTP1ZRL40

      Ansonsten kann ich auch nur fast alles unterschreiben. We are all different.

  7. Melanie Dienstag, 11. Juni 2013 um 18:40 Uhr [Link]

    . Und um es noch mal ganz deutlich zu sagen: .

  8. Christian Dienstag, 11. Juni 2013 um 18:56 Uhr [Link]

    Was Melanie sagt.

  9. Tanja Dienstag, 11. Juni 2013 um 19:31 Uhr [Link]

    Das mit der roten Bete halte ich aber für ein Gerücht …

  10. Kitty Dienstag, 11. Juni 2013 um 22:22 Uhr [Link]

    Hmm. Ball flach halten, ja, klar. Aber sonst: Die Leiterin von Mensa-Tests, die ich kenne, erklärte mir einst, es sei ganz und gar nicht so, dass die meisten Testteilnehmer hochbegabt sind. Auffallend hoch sei hingegen der Anteil derer, die hoffen, in einer Hochbegabung die erlösende Erklärung für ihre seelischen Leiden zu finden. Das widerspricht ja der Aussage deines Mensa-Bekannten total.

    Weiterhin: Man liest öfter, dass Hochbegabung überdurchschnittlich häufig mit psychischen Schwierigkeiten gekoppelt sei, so auch bei dir. Wenn man der Wikipedia Glauben schenken kann, stimmt das nicht, im Gegenteil, Hochbegabte sind im Schnitt psychisch belastbarer. Sie verfügen außerdem nachweislich über überdurchschnittliche Problemlösungsfähigkeiten. Ich will nur sagen: Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Hochbegabung gerade in jungen Jahren einsam machen kann. Aber man darf bei all den Problemen nicht vergessen, dass in dem Wort auch die „Gabe“ steckt. Es ist ein Fluch und ein Segen zugleich. Jede Minderheit hat mit Problemen der Masse gegenüber zu kämpfen. Aber im Gegensatz zu anderen Randgruppen haben die Hochbegabten eine Menge Ressourcen, auch gesellschaftlich. Dadurch wirkt eine Opferhaltung auf Außenstehende wohl immer einen Hauch unglaubwürdig.

    Und zum Rest der Debatte kann ich nur sagen: Ich glaube, die Netzhäme richtete sich im Großen und Ganzen gegen Ton und Haltung des Blogeintrags von Meike, nicht gegen die Hochbegabung an sich.

    • Isabel Bogdan Dienstag, 11. Juni 2013 um 22:56 Uhr [Link]

      Ich bin da überhaupt keine Expertin; interessant, dass Deine Bekannte genau das Gegenteil sagt.
      Mal so rumvermutet: vielleicht sind diejenigen mit der hohen Problemlösungskompetenz, die glatt durchs Leben gleiten und keine wesentlichen Probleme haben, eher die undiagnostizierten, denn sie wühlen vielleicht gar nicht so tief in der eigenen Psyche oder im eigenen Gehirn – und die, bei denen es zu Problemen kommt, suchen (und finden oft genug) die Lösung oder den Grund für diese Probleme in der Hochbegabung?
      Ich weiß es nicht, keinen Schimmer. Man liest das halt immer wieder.

    • Frau Meike Dienstag, 11. Juni 2013 um 23:00 Uhr [Link]

      Also, von allen (gesichert) Hochbegabten, die ich kenne, und es sind dieser einige, weiß ich von keinem, der nicht regelmäßig am alltäglichen Leben scheitert.

      Entweder, weil er wegen seiner gleichzeitigen Hochsensibilität weit weniger stressresistent ist als andere,
      oder weil er sich wegen seiner schnell einsetzenden Langeweile kaum lange genug mit einer Sache beschäftigen kann, um sie zu beenden,
      oder weil er wegen seiner regelmäßigen depressiven Schübe immer wieder für Wochen arbeitsunfähig ist,
      oder weil er wegen eines gleichzeitigen ADHS Probleme hat, sich bei der Arbeit zu konzentrieren,
      oder
      oder
      oder.
      Keinen einzigen.
      Ich weiß also nicht wirklich, woher Wikipedia diese steile Behauptung von der Belastbarkeit bezieht.

      Ton und Haltung: die drastische Formulierung habe ich heute in einem Nachtrag erläutert. Sie sollte meine Traurigkeit und meinen beißenden Neid auf andere Menschen illustrieren, was offenbar nicht gelungen ist.

      Im Rest des Artikels gibt es keinen „Ton“. Ich habe – verkürzt – geschrieben, dass ich mich lange Jahre von den Menschen missverstanden fühlte und es besser wurde, als mir jemand den Weg zur Hochbegabung wies.
      Wenn jemand allein diesen Umstand als beleidigenden Angriff wertet, dann sagt das wohl mehr über ihn als über mich aus. Meine Güte.

    • Christian Dienstag, 11. Juni 2013 um 23:08 Uhr [Link]

      Ich glaube es ist wichtig, zwischen früh-erkannten und gut geförderten Hochbegabten und spät-erkannten Hochbegabten zu unterscheiden.
      In den Foren, bei den Psychologen die die Bücher schreiben – da treffen sich naturgemäß die, die Probleme haben. Wer prima durchs Leben gekommen ist und von Kindheit an ein gesundes Selbstbewusstsein und einen prima Umgang mit sich selbst und dem hohen IQ erfahren und gerlernt hat, der hat wenig Grund, sich in Selbsthilfeforen rumzutreiben oder an anderer Stelle sein Leid zu klagen.

      So wie ich das in den letzten Tagen gesehen habe schützt das aber nicht davor, andere Hochbegabte, die Probleme haben zu verspotten.

  11. Frau Eff Mittwoch, 12. Juni 2013 um 07:26 Uhr [Link]

    Dass dieses IQ-Punkte-Zählen ziemlicher Unfug ist, müsste doch eigentlich inzwischen Allgemeingut sein. Wie sehr diese Zahl dem Einzelnen im Wege stehen kann, habe ich gestern mal wieder gesehen: Jemand hat bei einem Test exakt 72 Punkte ergattert. Damit ist er nicht geistig behindert. Also werden ihm alle ambulanten Hilfen und jede Unterstützung vom Kostenträger verweigert (weil er ja „normal“ ist). Hätte er den Test mit ein bisschen Kopfweh gemacht, wären es vielleicht 69 Punkte gewesen und er hätte einen geschützten Arbeitsplatz, ambulante betreutes Wohnen, eine Putzhilfe und Hilfe bei allen Behördenangelegenheiten bekommen.

    • Isabel Bogdan Mittwoch, 12. Juni 2013 um 08:09 Uhr [Link]

      Das halte ich allerdings eher für ein Problem des Grenzenziehens. Als ich eingeschult wurde, wurden alle Kinder eingeschult, die bis 1. Juli geboren waren. Ich bin am 5. Juli geboren und musste sämtliche Tests machen, ob ich schulreif bin. Ärztin, Psychologin, Schulleiter, alles. Wegen vier Tagen. Natürlich ist das Quatsch, aber irgendwo muss man nun mal die Grenze ziehen. Wenn etwas graduell verläuft, hat so eine Grenze immer etwas Willkürliches.

      Natürlich ist das ganze System unzulänglich, das ist ja alles nur ein Versuch, etwas zu erfassen, das eigentlich viel zu komplex ist für ein einfaches Punktesystem. Menschen mögen Schubladen. Vor allem Ämter, die entscheiden, ob jemand Hilfe bekommt oder schulreif ist oder sonstwas.

  12. Uschi Mittwoch, 12. Juni 2013 um 11:27 Uhr [Link]

    Wunderbar, liebe Isa. Ich kaue seit gestern an einer Meike-würdigen Reaktion herum, doch hier ist sie schon fertig, die Reaktion in meinem Sinne…

  13. Carofi Mittwoch, 12. Juni 2013 um 17:18 Uhr [Link]

    Anscheinend wird die Zeit reif für ein „Outing“ ;-)
    Manchmal hab ich allerdings das Gefühl, das „Ich bin lesbisch“ einfacher wäre und akzeptierter als „Ich bin hochbegabt“.

    Dabei will ich doch nur einfach so sein dürfen wie ich bin.

  14. Marco Freitag, 14. Juni 2013 um 15:54 Uhr [Link]

    Das ist ein ganz toller Beitrag, finde ich, danke dafür.

    Ich würde das gern ein wenig ergänzen, und zwar speziell den Teil, in dem es darum geht, was „Hochbegabung“ denn nun eigentlich ist. Kurz. Und vereinfacht.
    Der Begriff „IQ“ ist mal entstanden, weil jemand die „intellektuelle Leistungsfähigkeit“ quantifizieren wollte. Es gab da ein paar Ansätze, wie man das messen wollte, also im Grunde einen ersten Test. Dieser Test bestand nicht nur aus Zahlenreihen, die ergänzt werden müssen, sondern die Zielsetzung war, unterschiedliche Aufgaben zu verwenden, um ein breites Spektrum an Fähigkeiten abzufragen. Das ist zufällig etwa 100 Jahre her. Und das Ergebnis war, dass es tatsächlich so eine übergeordneten Intelligenz gibt. (Tatsächlich wird ein richtiger Test aber ja auch im Ergebnis noch unterteilt. Der Mensa-Test beispielsweise misst: numerische, verbale und figurale Intelligenz. Und die Gedächtnisleistung.)
    Die Auswertung dieses Testes erfolgte mit Methoden der Statistik, und der Test ist später weiterentwickelt worden. Letztlich hat sich daraus ein Testverfahren ergeben, das es erlaubt, mit wissenschaftlichen Methoden die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen zu messen. Die Betonung liegt dabei auf „wissenschaftliche Methoden“: auch wenn das ganze Thema „Intelligenzmessung“ sogar in der Intelligenzforschung überhaupt nicht frei von unterschiedlichen Meinungen ist, so ist es doch mittlerweile wenigstens Konsens, dass der Intelligenztest genau das tut, wofür er gemacht ist. Das er also ein valides Werkzeug für die Bestimmung der kognitiven Fähigkeiten ist. In den Medien ist das allerdings noch nicht so richtig angekommen.
    Ich will mich da auch gar nicht in den Details verlieren oder gar noch auf lustige Ideen wie „emotionale Intelligenz“ eingehen. Aber der Test an sich, auch wenn es einem komisch vorkommt, misst eben nicht nur das Ergänzen von Zahlenreihen. Er misst tatsächlich etwas umfassenderes, generelles.
    Ein Kritikpunkt ist häufig, dass der Test ungenau ist. Und das stimmt natürlich. Wenn ich mich zu einem Test anmelde, und in der Nacht davor unbedingt die Party meines Lebens feiern muss, dann wird es mir vermutlich schwer fallen, beim Test mein Potential auch in eine entsprechende Performance zu verwandeln. Aber das ist halt auch der Grund, weshalb so ein Test nur von geschulten Personen durchgeführt werden soll. Das soll sicherstellen, dass die Testbedingungen überhaupt einen vernünftigen Testablauf ermöglichen. Andersrum geht es aber nicht: mehr Performance als Potential ist halt nicht. Auch wenn viele Menschen einen anderen Eindruck haben, Statistik lässt sich nicht so einfach übers Ohr hauen.
    Übrigens ist das mit der „sozialen Intelligenz“ auch mal gemessen worden. Und dabei kam heraus, dass alles so ist, wie es sein soll. Sieht man „soziale Intelligenz“ als kognitive Leistung, dann erreichen Hochbegabte auch da den entsprechenden Prozentrang. Sieht man „soziale Intelligenz“ aber als Maß dafür, wie beliebt jemand ist oder wie gut er sich in einem beliebigen Umfeld integrieren kann, dann funktioniert das nicht. Wer darüber nachdenken möchte, der stelle sich bitte folgende Situation vor: Ein wundervoll durchschnittlicher, freundlicher, netter, kommunikationsfreudiger Schüler eines Gymnasiums wird zu Beginn der 9. Klasse aus seiner Schule genommen und in eine Hauptschule gesteckt. Und die Frage ist: werden ihm seine vorher erworbenen Fähigkeiten dort nützen? Oder wird er bis zum Ende des Versuchs jede Pause mit dem Kopf in der Toilettenschüssel landen?

    Die Intelligenzforschung gibt es ja schon ein bisschen, wie gesagt, und es gibt verschiedene Studien mit unterschiedlicher Qualität. So aus dem Stand, so weit ich weiß, gibt es eine, die besagt, dass die erfolgreichsten Menschen einen Durchschnitts-IQ von 118 haben. Die Interpretation ist so, dass diese Menschen praktisch ihrem gesamten Umfeld intellektuell überlegen sind, aber noch nicht so weit weg, dass sich daraus Konflikte ergeben. Zu der Qualität dieser Studie kann ich aber grade nichts sagen.
    Und dann gibt es noch den Philosophen Schopenhauer, der schrieb, dass man in dem Gegenüber nur die Intelligenz erkennen kann, über die man auch selbst verfügt. Und alles was darüber hinaus ginge, könne man nicht wahrnehmen. Ein Mensch, der viel Intelligenter ist als man selbst, würde einem damit zwangsläufig unvollständig erscheinen, voller Brüche. Ich fand immer, dass das eine sehr schöne Erklärung dafür ist, warum einem Menschen manchmal komisch vorkommen. Also wenn man gleichzeitig den Verdacht hat, dass man es da mit einer extremen Intelligenz zu tun hat. Und ich schreibe das mit der Erfahrung eines Mensa-Mitgliedes, der bei Treffen mit Mensanern gezwungen ist, anzunehmen, dass sein Gegenüber mindestens genau so intelligent ist. ;) Was nicht immer leicht ist!

    • Isabel Bogdan Samstag, 15. Juni 2013 um 12:09 Uhr [Link]

      Wow, vielen Dank für die ausführliche Ergänzung!

  15. Denken, man sei “ewas Besseres” / Outings | Ja gut, aber … Samstag, 15. Juni 2013 um 13:50 Uhr [Link]

    [...] habe ich lediglich einen kritischen Beitrag von Philippe Wampfler, einen klärend-zustimmenden von Isabel Bogdan und eine weiteren zustimmenden von Tilla [...]

  16. Karan – Anders sein | Karan Sonntag, 16. Juni 2013 um 18:48 Uhr [Link]

    [...] Hochbegabung haben übrigens einige schon geschrieben. Erhellendes, Ehrliches, Berührendes. Danke [...]

  17. kreuzberger Mittwoch, 19. Juni 2013 um 16:13 Uhr [Link]

    .

  18. Nathalie Bromberger Mittwoch, 26. Juni 2013 um 09:44 Uhr [Link]

    Danke, lockermachen ist die richtige Devise! Dass Hochbegabte in Deutschland immer noch mit neidischer Skepsis betrachtet werden, ist an sich schon ein großer Teil des Problems. Ich hab begabte Kinder aus den USA darüber klagen hören, dass es sie nervt, dass sie zu all den Extra-Angeboten für Gifted Children gehen müssen und dass alle so ein (positives!) Trara um sie machen. Und würde den Kindern hier wünschen, dass sie wenigstens einen kleinen Teil dieser positiven Unterstützung bekommen würden. Aber hierzulande wird Hochbegabung immer noch so abwertend und negativ betrachtet, dass es kein Wunder ist, wenn die „doofen Freunde“ (toller Ausdruck, Meike ) mit voller Kraft zuschlagen können. Hochbegabten Kindern wird hier vom frühesten Alter an signalisiert, dass ihr Anderssein verdächtig ist, dass sie ihre Begabung besser verstecken können. Und genau dadurch entstehen die Unsicherheiten, Selbstzweifel und Depressionen: Wenn Menschen Teile von sich selbst verachten, wenn sie ihre Kreativität, ihr lebendiges Interesse, ihre leidenschaftlichen Weltverbesserideen unterdrücken. Wenn sie sich für das Schämen müssen, was sie lebendig macht und was – wie sie auch von früh an spüren – sie der Welt zu schenken haben. Und genau deshalb schließen sich Hochbegabte zu Clubs zusammen, was dann die Ausgeschlossener noch hämischer und Hochbegabung noch Verdächtiger macht. Umdrehen kann das Gänze vielleicht nur eine massenweises Coming Out. Und ja, scheint mir auch gefährlicher als „ich bin lesbisch“ zu rufen. Aber das ist es nun mal mit Coming Out. Es ist anfangs nicht so angenehm… Brauchen wir nur noch eine Kampagne. Ein T- Shirt? Eine Krone mit dem IQ Wert drauf? Hihi.

  19. C.K. Mittwoch, 16. Oktober 2013 um 21:10 Uhr [Link]

    Manche brauchen auch einfach länger.

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