TEDx Hamburg

Ich war mal kurz die Welt retten. Na gut, ich habe zugehört, wie andere die Welt retten. Am Dienstag war hier in Hamburg nämlich eine TEDx-Konferenz. TED-Konferenzen gibt es in den USA schon seit den achtziger Jahren; das kleine x dahinter bedeutet, dass es unabhängig davon organisiert ist. Aber so ganz unabhängig dann irgendwie ja doch nicht, immerhin wird dasselbe Logo und dasselbe Format verwendet. Nämlich: jeder Redner hat nur 18 Minuten Zeit. Das ist natürlich ausgesprochen super, kurz und knackig ist immer gut. TED steht für „Technology, Entertainment, Design“ und der Untertitel lautet: „Ideas worth spreading“. Man kann sich sämtliche auf TED-Veranstaltungen gehaltenen Vorträge im Internet angucken, und da sind unglaublich tolle Sachen dabei.

Die Hamburger Veranstaltung stand unter dem Titel „City 2.0“ und stellte die Frage, wie wir in unseren Städten leben wollen und können, wie wir die Lebenssituation der Menschen in sogenannten „informal settlements“ (vulgo: Slums, Favelas, Shantytowns) verbessern können, und wie wir unsere Städte mitgestalten können. Ich will die Vorträge hier jetzt nicht einzeln durchgehen, man kann sie demnächst alle im Internet angucken, und die erste Hälfte des Tages hat Kiki auch schon detailliert zusammengefasst. Weitere Berichte gibt es bei Maximilian Buddenbohm, Oliver Driesen, Benjamin Hüllenkremer und ich nehme an, Markus Trapp und Eimerchen schreiben auch noch was, das trage ich dann hier nach. (Ich habe die Berichte alle noch nicht gelesen, sonst hätte ich bestimmt nichts mehr hinzuzufügen.) NACHTRAG: Hier ist der Bericht von Eimerchen.

Was schon gleich beim Blick ins Programm auffällt: Die Speaker sind – Überraschung! – weiß, männlich, mittelalt, Mittelschicht. Jedenfalls im Durchschnitt. Zwei Frauen sind dabei, dreizehn Männer. Und diese weißen Erstweltler erklären nun uns weißen Erstweltlern, wie man die Slums in Indien, Südamerika und Afrika pimpen kann. Da sind tolle Ideen dabei, unglaublich großartiges Engagement, überhaupt keine Frage. Aber warum waren da keine Schwarzen, keine Asiaten, keine nichtweißen Nichtmänner? Kann mir doch keiner erzählen, dass es für die Erkenntnis „Africa is completely run by women“ eine Weiße braucht. Oder dass es nicht genügend Frauen gegeben hätte, die etwas zu den Themen hätten beitragen können.

Als zweites sagt einem der Blick ins Programm: vierzehn Vorträge in acht Stunden. Einer fiel wegen Krankheit aus, zwei wurden per Video noch eingespielt, macht insgesamt also fünfzehn. Eine Pause am Vormittag, anderthalb Stunden Mittagspause. Das ist ein Hammerprogramm, und dass die Luft im Saal immer schlechter wurde, trug nicht gerade zur Konzentrationsfähigkeit bei. Noch dazu war die gesamte Veranstaltung auf Englisch, das war für mich jetzt nicht so ein Problem, aber ich schätze, dass es für viele noch eine zusätzliche Konzentrationsherausforderung war. Aber wenn das Thema international ist und hinterher alles ins Internet kommt, dann ist es natürlich vollkommen richtig, das komplett auf Englisch zu machen.

Genug gemeckert: das war eine großartige Veranstaltung. Unglaublich viel Information und viele große Ideen in hochkonzentrierter Form, und das zu einem Thema, mit dem ich mich nie befasst habe, das mich aber natürlich betrifft. Ich lebe ja in einer Stadt, und zwar gerne und aus Überzeugung. Sowas finde ich immer super, mich einfach mal mit etwas Neuem zu beschäftigen. Durch das zeitlich sehr strenge Format und offenbar gut gecoachte Redner konnte auch niemand ins Labern geraten, sondern alle waren gezwungen, sich an die Zeit zu halten und ihre Ideen wirklich konzentriert und knackig vorzubringen. Das ist unterschiedlich gut gelungen. Bei einigen hätte ich mir deutlich mehr metakommunikative Einschübe gewünscht – wenigstens einen kurzen Satz darüber, was sie uns jetzt erzählen wollen, damit man eine Ahnung hat, wo man ist, und was jetzt kommt. Die Anmoderationen zur Vorstellung des nächsten Redners waren sehr kurz, und womöglich hat man da nicht richtig hingehört und sich stattdessen mit dem Sitznachbarn über den eben gehörten Vortrag ausgetauscht. Dann wusste man schon nicht so genau, wer da jetzt gerade spricht und was derjenige eigentlich macht. Stand bestimmt alles im Programmheft, aber man hatte ja kaum Zeit, da reinzugucken. So viel geballte Information verlangt einfach nach ein bisschen mehr Zuhörerführung.
Was ebenfalls schön gewesen wäre: zwei, drei Vortragende mit höheren Entertainerqualitäten. Ich möchte bei so einer Konferenz natürlich nicht nur Gekasper sehen, aber bei so viel Input unter so wenig Sauerstoff wäre ich gern zwischendurch mal geweckt worden, von jemandem, der so richtig mitreißend, leidenschaftlich, begeistert und/oder witzig ist. Der mitreißendste Vortrag kam tatsächlich vom Band (irgendwo wurde gemunkelt, es gehöre zu den Regeln, dass bei TEDx-Veranstaltungen zwei TED-Videos eingespielt werden müssen) und war dieser hier über Guerilla Gardening:

Ron Finleys Ansatz ist einer, der mir bei ganz vielen Speakern aus ganz unterschiedlichen Denkrichtungen aufgefallen ist:

Wir haben hier dieses und jenes Problem – aber was wäre, wenn wir das mal nicht als Problem ansehen, sondern als Lösung, als Möglichkeit?

Hier also: Food is a problem, and food is the solution.
Ein weiteres Beispiel für diesen Denkansatz am Dienstag war Robert Neuwirth. Er sprach unter anderem über das vermeintliche Problem der Produktpiraterie, also dieser nachgemachten Markenartikel (von Mode bis zu Elektrogeräten), und sagte: das ist total super. Mit billigen, nachgemachten Handys ist es den Menschen in ärmeren Gegenden überhaupt erst möglich, an der modernen, globalisierten Welt teilzunehmen und sich so auf lange Sicht ein besseres Leben zu erarbeiten. Ein Hoch auf die Billigartikel! (Allerdings hat er nichts darüber gesagt, unter welchen Bedingungen diese Artikel hergestellt werden, aber das ist wahrscheinlich wieder ein anderes Thema.) Desweiteren benutzen Unternehmen diese Kopien als Marktforschungsinstrument – ein Artikel, der nicht sofort kopiert wird, ist gleich tot, der läuft nicht. Und so weiter.
Oder der Yellowfier (Håkan Libdo / Boris Blank), eine App, mit der man Geräusche zu Elektronischer Musik machen kann: Wir leiden unter dem Lärm – was wäre denn, wenn wir ihn als Musik begreifen, ihn zu Musik machen, Spaß an all diesen Geräuschen bekommen?
Oder: Müll (Katell Gélébart). Müll ist global ein Problem, und es liegt eigentlich auf der Hand, Müll zur Lösung zu machen, sprich: neue Produkte daraus herzustellen. Reusing, Recycling, Upcycling.

Das finde ich sehr interessant, und das ist meine persönliche Quintessenz aus diesen Vorträgen: Dass diese Macher, die Leute mit den guten Ideen, tatsächlich oft aus einer anderen Richtung oder in eine andere Richtung denken. Sie betrachten vermeintliche Probleme nicht als zu überwindenden Berg, teilweise nicht mal als Problem, sondern auf eine irgendwie andere Weise. Darüber muss ich dringend weiter nachdenken, mir ist noch nicht ganz klar, wie das im Einzelnen funktioniert oder sich auf andere „Probleme“ übertragen ließe, aber es zeigt doch sehr deutlich, was man eh schon ahnt: dass ganz vieles nämlich nicht so sehr eine Frage von Wahrheiten ist, sondern vielmehr eine Frage der Wahrnehmung. Und dass vieles sich lösen lässt, indem man erstmal seine Wahrnehmung anders justiert.

(Und jetzt gehe ich lesen, was die anderen geschrieben haben.)

8 Kommentare

  1. Kirsten Donnerstag, 6. Juni 2013 um 22:08 Uhr [Link]

    Stimmt, die Sprecher werden offenbar sehr gut gecoacht, schreibt Verena Delius, deren TEDx-Talk ich sehr gut fand) hier: http://www.verena-delius.de/tag/tedtalk/ – merkt man auch.

    Und noch ein schöner TED (ohne x – die sind anscheinend noch sehr viel teurer, hab ich mal gelesen) Talk: http://www.youtube.com/watch?v=Ks-_Mh1QhMc zu Körpersprache

    • jubil Freitag, 7. Juni 2013 um 16:21 Uhr [Link]

      Wow… Schöner Vortrag zur Körpersprache. Musste gleich (thematisch völlig unverknüpft) an diesen hier denken:
      http://www.youtube.com/watch?v=ji5_MqicxSo
      Kein TED-Talk und sehr, sehr lang, aber definitiv lohnenswert. ;)

    • Isabel Bogdan Samstag, 8. Juni 2013 um 01:17 Uhr [Link]

      Ja, wow, Körpersprache auch gerade geguckt. Sehr toll. (Rest noch nicht geschafft.)

  2. Ich bin viele Samstag, 8. Juni 2013 um 14:18 Uhr [Link]

    [...] Gedankengangs war ein Zitat in dem Videoclip eines Vortrags einer TEDx-Konferenz, auf das ich im Blog von Isabel Bogdan aufmerksam wurde. Der Vortragende, ein Guerilla-Gardening-Aktivist aus Los Angeles, sagte darin: [...]

  3. Rebekka. Sonntag, 9. Juni 2013 um 20:58 Uhr [Link]

    Danke für den Artikel und die Kommentare mit Links!

    Und ja, ich schaue TEDs auch schon sehr lange im Internet und war selbst vor kurzem auf meinem ersten TEDx, in Offenbach… TED ist schon eine spezielle Sache [Rahmen etc.], aber insgesamt gesehen einfach großartig, so inspirierend! [Das Thema dort war Curiosity und Gunter Dueck key speaker...]

  4. TEDxHamburg: Schnell noch mal Danke! sagen >> 50hz - Werkstatt für Netzkommunikation Mittwoch, 12. Juni 2013 um 13:11 Uhr [Link]

    [...] Isabel Bogdan: TEDxHamburg [...]

  5. TEDx Hamburg – City 2.0 | eimerchen's spillage Samstag, 29. Juni 2013 um 10:28 Uhr [Link]

    [...] a summary of the talks, this has already been done very aptly by Kiki, and also Maximilian and Isa have written posts definitely worth reading. All three of them, proper and therefore much better [...]

  6. TEDxHamburg 2013 – Wie werden wir in Zukunft in Städten leben? » Text & Blog – Das Weblog von Markus Trapp Sonntag, 30. Juni 2013 um 15:22 Uhr [Link]

    [...] mag, kann die bei den Menschen tun, mit denen ich dort war. Zeitnah gebloggt haben am Monatsanfang: Isa, Max, Kiki und Eimerchen. Ich teile das dort vorherrschende Lob (inspirierende Vorträge) und die [...]

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