Thommie Bayer: Vier Arten, die Liebe zu vergessen

5418Vier Männer treffen sich nach zwanzig Jahren zum ersten Mal wieder. Und zwar auf der Beerdigung ihrer ehemaligen Lehrerin im Internat. Die Lehrerin hat die vier sozusagen zusammengebracht und ein Gesangsquartett aus ihnen gemacht – sie sangen als Schüler mit ganz gutem Erfolg, als Studenten machten sie weiter, aber dann ging doch irgendwie jeder seiner Wege, man trennte sich und hörte zwanzig Jahre lang nichts mehr voneinander. Sie sind auch vier sehr unterschiedliche Typen – Michael still und zurückhaltend, ein Eigenbrötler; Thomas ein Hedonist, leidenschaftlich und maßlos; Bernd ein Schürzenjäger; Wagner ein freudloser, politisch korrekter Altlinker. Eigentlich haben sie sich nicht mehr viel zu sagen, aber irgendwie ergibt es sich, dass Michael die drei anderen in seinen Palast nach Venedig einlädt, wo sie ein paar gemeinsame Tage verbringen, über Vergangenheit und Gegenwart sprechen oder auch nicht sprechen und ihrer Freundschaft nachspüren.
Das ist alles sehr gut geschrieben. Es liest sich so weg, hat eine ganz gute Spannung (ohne im eigentlichen Sinne spannend zu sein), ich habe jedenfalls bis heute Nacht um vier gelesen, was total bescheuert ist, denn jetzt bin ich ziemlich müde.
Aber. Ich weiß auch nicht – irgendwie kam es mir trotz allem etwas oberflächlich vor. Die Figuren bleiben klischeehaft, und der einzige der vier Männer, den man beim Lesen wirklich mag, ist Michael. Man wird den Verdacht nicht los, dass auch der Autor die anderen drei nicht besonders gut leiden kann. Und bei Michael wiederum scheint dauernd durch, wie der Autor sich darum bemüht, dass man ihn mag. Frauen kommen nur als Nebenfiguren vor und sind genauso klischeehaft; sie sind allesamt entweder hinreißend (die, die tatsächlich eine Rolle spielen) oder aber komplett unmöglich (die Ehefrauen von zweien der Männer).
Ich bin immer noch hin- und hergerissen – einerseits eine gute Story, auch gut lesbar geschrieben, und außerdem will ich jetzt nach Venedig. Aber vielleicht ist das Problem, dass zu viel erklärt wird, zu viele Gefühle und Entwicklungen beschrieben werden, statt sie einfach darzustellen. Ich weiß es nicht. Bin ein bisschen ratlos.

Thommie Bayer: Vier Arten, die Liebe zu vergessen. Piper, 280 Seiten, 19,99 €

5 Kommentare

  1. Uschi Freitag, 11. Januar 2013 um 18:43 Uhr [Link]

    Venedig ist auf jeden Fall schönschönschön, besonders im Winter, also nix wie hin…

    Und was ich toll finde: Deine wechselnden Sublines im Kopf des Blogs. Ich habe jedenfalls meinen Spaß daran.

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  2. Herr Rau Freitag, 11. Januar 2013 um 22:07 Uhr [Link]

    Thommie Bayer… habe ich vor zwanzig Jahren gelesen, ihn und Bernhard Lassahn und Klaus Modick, und dann festgestellt, dass die alle gemeinsame Geschichte haben. Schön, dass es den noch gibt, und die anderen auch – habe ihnen gerade hinterherrecherchiert. (Ich halte mich nicht gerade auf dem Laufenden mit aktueller deutscher Literatur.)

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  3. martina Samstag, 12. Januar 2013 um 10:04 Uhr [Link]

    vielleicht treffen wir uns zufällig in venedig. mir gings beim und nach dem lesen des buches genauso.

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  4. Christina Samstag, 12. Januar 2013 um 13:18 Uhr [Link]

    Hab ich auch grad gelesen. Mir ging’s exakt wie dir. Das Buch hat mich reingesogen, war schwer, es wieder weg zu legen, aber anschließend war ich irgendwie unbefriedigt. Nur hätte ich es nicht so schön in Worte fassen können. Dein Buch hat mich auf jeden Fall mehr erfreut! Ich überlege nun schon die ganze Zeit, was für Sachen ich alle machen könnte… ;-)

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  5. Stephan Samstag, 12. Januar 2013 um 20:35 Uhr [Link]

    Klaus Modick … nie gelesen, ist mir nur aus einer Geschichte bekannt, die meine Lieblingstante Susi aus ihrer Studentenzeit in Hamburg erzählte und die damit endete, daß ihre angeschickerten WG-Mitbewohnerinnen auf dem Weg nach Hause lauthals „Susi liebt Klaus Modick, Susi liebt Klaus Modick“ skandierten. Ich verwechsle ihn trotzdem immer mit Klaus Kordon.

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