Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe

Inge Lohmark ist Biologielehrerin irgendwo in Brandenburg, wo die Leute wegziehen und die Schüler weniger werden. Ansonsten ist sie vor allem eins, nämlich verbittert. Durch und durch und zutiefst verbittert. Eine schreckliche Person, die ihre Schüler nicht leiden kann, ebensowenig wie sich selbst, und die total besessen ist von der Biologie und permanent und ausschließlich über Biologie nachdenkt und ihr Wissen rekapituliert.
Die deutsche Sprache, heißt es, lebt von ihren schönen Verben. „Das Verb ist die Seele des Satzes“, das habe ich gerade am Wochenende wieder gehört. Aber hier: Kaum Verben. Lauter Stummelsätze. Drei Wörter, auch mal fünf. Dann wieder ein Punkt. Kann man machen. Ist aber anstrengend. Und dann wieder Biologie. Keine Geschichte. Nur ein dezenter Ansatz zu einer Geschichte. Und der versandet.
Irgendwie beeindruckend, wie diese Verbitterung und diese Fixiertheit auf biologische Vorgänge rübergebracht werden; toll, einerseits, andererseits aber doch ziemlich anstrengend zu lesen. Und ich glaube, eine Geschichte hätte geholfen. Es muss ja nicht immer eine rasante Story sein – aber dagegen, dass wenigstens irgendwas passiert, wäre ja auch nichts einzuwenden. Eine einzige wirklich starke Szene gibt es, und die ist gerade mal eine Seite lang. Seite 218/219 von 222. Bisschen spät.
Ich warte gespannt darauf, was Anke dazu schreibt, sie fand es nämlich super, wie überhaupt fast alle anderen, von denen ich gehört habe. Hm. Vielleicht liegt’s an mir.

Judith Schalansky wohnt im Regal zwischen Marjane Satrapi und Bernhard Schlink.

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe. 222 Seiten. Suhrkamp, 21,90 €.
Hörbuch: 19,99 €, Download 13,99 €
E-Book: 18,99 €

8 Kommentare

  1. Katrin Seddig Sonntag, 15. Januar 2012 um 20:56 Uhr [Link]

    Ich habe es gerade gelesen und bin mir sehr mit mir selber uneins wegen dieses Buches. Es ist ohne Zweifel sehr gut, weil es genau ist und weil es wahr ist. Ich kann das einschätzen, es ist schon erschreckend, wie genau es ist (Ich hatte schon vergessen). Aber es ist auch – öde. Der Frau wird nichts Nettes mitgegeben und das macht es so schwer, ihr zu folgen. Man möchte sie gerne alleine in ihrem öden Leben sitzen lassen, die Tür zuschlagen und sie vergessen, weil man sie nicht lieben kann, an keiner einzigen Stelle. Und weil sich daran auch nichts ändern wird. Da schält sich aus diesem meinem Konflikt genau das raus, was wahrscheinlich mit „Bildungsroman“ gemeint ist. Man folgt mehr mit dem Kopf und kaum mit dem Herzen. Warum aber soll einen solch ein Mensch interessieren? Weil er ein Phänomen ist? Die Beschreibung eines Menschen als ein gesellschaftliches Phänomen? Als Literatur? Schwierig. Aber nicht schlecht.

  2. nicwest Sonntag, 15. Januar 2012 um 21:22 Uhr [Link]

    Ich fands auch super, vor allem, weil es nur ganz wenig übertrieben ist – ich kenne solche zynischen Lehrer. Außerdem kriegt es die Autorin hin, dass man sich nicht entscheiden kann zwischen Ekel und Mitleid. Und ich finde, die Geschichte passiert eher auf S. 103, S. 180/181 und S. 163.

  3. Isabel Bogdan Sonntag, 15. Januar 2012 um 21:57 Uhr [Link]

    Ja, schon. Das sind drei Seiten. Und die Geschichte führt zu nix, sie ist halt nur so angedeutet und entwickelt sich nirgendwohin. Die Figurenzeichnung finde ich auch super, aber es ist mir zu einseitig und zu wenig. Es gibt ja quasi nur eine einzige Figur.

  4. Anke Montag, 16. Januar 2012 um 10:23 Uhr [Link]

    Einseitig? Echt? Ich fand die Dame sehr vielschichtig. Einerseits zupackend und agierend, andererseits sitzt sie Dinge einfach aus (ihren Kerl und dessen lustige Hobbys); einerseits hängt sie in ihrer eigenen Welt fest („das haben wir schon immer so gemacht“, die Darwin-Anspielungen), andererseits überrascht sie sich selbst damit, dass die sich plötzlich um eine Schülerin besonders kümmert.

    Ja, die Story ist etwas dünn, und für die Pointe hätten ein paar Seiten weniger es auch getan, aber ich habe das Buch in wenigen Stunden verschlungen. Vielleicht auch weil ich die Sprache nicht als anstrengend empfunden habe. (Werberdeutsch?)

  5. Isabel Bogdan Montag, 16. Januar 2012 um 10:28 Uhr [Link]

    Zupackend? Sie macht doch gar nix. Sie zieht komplett rücksichtslos ihr Ding durch und bemerkt ja nicht mal wirklich, was rechts und links von ihr passiert. Findet nur alle doof. Und „kümmern“ würde ich das auch nicht nennen. Diese winzige Überraschung, dass ihr plötzlich eine einzelne Schülerin eine Winzigkeit weniger egal ist.
    Und die Pointe habe ich wohl gar nicht bemerkt. Meinst Du die, dass sie eben schon immer so war? Nu ja, hm.

  6. granum Montag, 16. Januar 2012 um 15:09 Uhr [Link]

    Gregor Keuschnig nannte das Buch in seiner sehr ausführlichen Rezension „bedürftige Literatur“ – und auch sonst kann man seinen Ausführungen kaum noch etwas hinzufügen.
    Und hier findet man die Besprechung:
    http://www.begleitschreiben.net/judith-schalansky-der-hals-der-giraffe/

  7. Lydia Montag, 16. Januar 2012 um 17:33 Uhr [Link]

    Gestern hab ich ein Interview mit Judith Schalansky gehört, nur zum Teil, weil ich dann wegmusste. Solange ich mithörte, ging es um ihr Insel-Buch und ums Reisen, und sie kam sehr sympathisch rüber. Eure Diskussion macht mich jetzt zusätzlich neugierig auf die Giraffe … Das Interview kann man hier nachhören: http://www.br-online.de/podcast/mp3-download/bayern2/mp3-download-podcast-eins-zu-eins-der-talk.shtml

  8. Isabel Bogdan Montag, 16. Januar 2012 um 17:35 Uhr [Link]

    Danke! Das Sonderbare ist: ich verstehe die negativen Rezensionen ebenso gut wie die positiven.

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