Hans-Ulrich Treichel: Grunewaldsee

Don’t judge a book by its cover. Immer wieder habe ich „Grunewaldsee“ auf meinen Wunschzettel gesetzt und es dann doch wieder runtergenommen, weil das Cover einfach zu und zu hässlich war. Jetzt ist es als Taschenbuch rausgekommen und nicht mehr hässlich (obwohl ich eigentlich immer lieber gebundene Bücher habe), und außerdem hat die Lieblingsbuchhändlerin es empfohlen – und zwar zu Recht.

Paul ist nicht gerade ein Macher. Er lebt in Berlin, hat Geschichte studiert und wartet jetzt auf einen Referendariatsplatz. Der ist ihm sicher, kann aber ein paar Jahre dauern. Bis dahin macht er hauptsächlich nichts, außer Warten und zwischendurch mal einen Job anzunehmen. Beim Warten begegnen ihm auch schon mal Frauen, ansonsten erinnert er sich an andere Frauen aus seiner Vergangenheit, das ist aber alles eher flüchtig. Wirklich passieren tut in seinem Leben die meiste Zeit nicht viel.
Einmal nimmt er im Sommer einen Job als Deutschlehrer in Malaga an. Und dort begegnet er Maria, mit der er eine leidenschaftliche Affäre anfängt. Dass es eine Affäre bleiben wird, ist von vornherein klar, denn Maria ist erstens verheiratet und zweitens schwanger. Aber so lange es dauert, ist es das Paradies. Als letztes ruft sie ihm hinterher: Permanecemos juntos! Wir bleiben zusammen! Und Paul fährt zurück nach Berlin. Und wartet jetzt nicht mehr nur auf einen Referendariatsplatz, sondern auch auf Maria. Und lebt so vor sich hin.
In den kommenden Jahren schreiben die beiden sich Briefe, allerdings sehr sporadisch. Und schließlich kündigt Maria an, zu einem Kongress nach München zu reisen und Paul sehen zu wollen.
Oberflächlich passiert nicht viel. Aber Treichel schweift immer wieder länger ab (ich würde dann jetzt gern mal auf die Pfaueninsel), und das sorgt dann doch für Spannung. Das einzig Große, was an der Oberfläche passiert, ist, dass in Berlin die Mauer fällt, aber das interessiert Paul nun wirklich überhaupt nicht – bzw. eigentlich passt es ihm nicht mal so richtig. Dabei ist es nicht mal so, dass er sich für gar nichts interessieren würde, er interessiert sich sehr für die Pfaueninsel, kommt aber auch nicht aus den Puschen, da mal irgendwas zu machen. Stattdessen wartet er. Netter Kerl, der Paul, aber halt ein klassischer Loser. Die Lieblingsbuchhändlerin sagt, diese Losertypen um die dreißig heißen in deutschen Büchern immer Paul, ich nehme an, da hat sie nicht Unrecht, ich habe nur ein zu schlechtes Gedächtnis, als dass mir spontan auch nur ein einziger einfiele.
Zu mehr als dieser eher banalen Inhaltsangabe bin ich gerade nicht in der Lage, aber: das ist ein tolles, tolles Buch! Lesen! Ist auch Sex drin!

Treichel wohnt im Regal zwischen B. Traven und Sakae Tsuboi.

Hans-Ulrich Treichel: Grunewaldsee. Suhrkamp, 237 Seiten. Gebunden: 19,80 €, Taschenbuch: 8,95 €

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1 Kommentar

  1. kopffueßelnde Samstag, 16. Juli 2011 um 10:44 Uhr [Link]

    Ein neuer Treichel, den gönn‘ ich mir!

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