Michela Murgia (Julika Brandestini): Accabadora

Die sechsjährige Maria ist das vierte Kind einer bitterarmen Witwe. Eines Tages taucht Bonaria Urrai auf, eine ältere, reichere Frau aus dem Dorf, und nimmt Maria als fill’e anima bei sich auf, als „Tochter des Herzens“. Eine Art Adoption. Dieses Vorgehen ist in dem sardischen Dorf in den sechziger Jahren nicht mehr ganz so üblich, die restlichen Dorfbewohner tuscheln eine Weile, aber dann gewöhnt man sich daran. Maria und Bonaria leben fortan wie Mutter und Tochter zusammen. Maria hat ein eigenes Bett, sogar ein eigenes Zimmer. Und sie kann die Schule besuchen, viel länger als die meisten anderen Kinder, sie ist eine gute Schülerin und geht gern hin. Zwischendurch besucht sie ihre ursprüngliche Familie, hilft bei Festen, hilft auch gern bei der Familie ihres Freundes Andría bei der Weinlese mit. Nachts wird Bonaria Urrai manchmal aus dem Haus geholt und verschwindet für ein paar Stunden; Maria lernt schnell, nicht danach zu fragen, was in diesen Nächten geschieht.
So langsam bekommt der Leser aber eine Ahnung, was da geschieht. Und irgendwann passiert ein größeres Unglück, in dessen Folge auch Maria Dinge erfährt, die sie lieber nicht gewusst hätte.
Erzählt wird das alles aus einer gewissen Distanz, sehr unprätentiös, zwischendurch ist es trotzdem richtig spannend. Und sowieso faszinierend, wie tief die Dorfbewohner noch in den sechziger Jahren in ihrem Glauben und ihrem Aberglauben verwurzelt sind, teilweise kommt einem diese Kultur geradezu archaisch vor. Und dann auch wieder ganz modern. Sehr beeindruckendes Buch, dessen eigentliches Thema ich hier nicht verrate. Denn es kommt erst relativ spät wirklich zutage, und ihr sollt es bitte alle lesen: wundervolles Buch.

Michela Murgia bekommt einen Regalplatz zwischen Murasaki und Musil.

Michela Murgia (Julika Brandestini): Accabadora. 170 Seiten. Gebunden: Wagenbach, 17,90 €
Taschenbuch: dtv, 8,90 €

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3 Kommentare

  1. percanta Montag, 20. Juni 2011 um 11:18 Uhr [Link]

    „Erzählt wird aus einer gewissen Distanz“ – wer erzählt denn? Wie ist es perspektiviert? Das interesseriert mich aus den bekannten Gründen, Danke!

    (Und das, was sie macht, ist schon das, was der Titel nahelegt, oder?)

  2. Isabel Bogdan Montag, 20. Juni 2011 um 11:22 Uhr [Link]

    Allwissender Erzähler, der aber zu großen Teilen die Perspektive Marias einnimmt.
    Was sie macht, ist schon das, was der Titel nahelegt, klar. Sie ist eine Accabadora. Setzt natürlich voraus, dass man weiß, was das ist.

  3. percanta Montag, 20. Juni 2011 um 11:26 Uhr [Link]

    Grazie.

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