Erlend Loe (Hinrich Schmidt-Henkel): Naiv. Super.

Der Roman beginnt so:

Ich habe zwei Freunde. Einen guten und einen schlechten. Außerdem habe ich einen Bruder.
Er ist vielleicht nicht so sympathisch wie ich, aber so weit ganz okay.
Ich bekomme die Wohnung von meinem Bruder, wenn er verreist ist. Eine hübsche Wohnung. Mein Bruder hat ganz gut Geld. Gott weiß, woher, ich habe das nicht so genau mitgekriegt. Er kauft oder verkauft irgendwas. Und jetzt ist er verreist. Er hat mir erzählt, wohin. Ich habe es auch aufgeschrieben. Vielleicht nach Afrika?

Dass der mitte-zwanzig-jährige Erzähler seinen Bruder gerade nicht ganz so sympathisch findet, hängt damit zusammen, dass der ihn beim Krocket besiegt hat. Das wirft ihn irgendwie aus der Bahn. Er schmeißt sein Studium hin, wohnt in der Wohnung seines Bruders und erzählt in durchgehend superkurzen Sätzen von seinen Versuchen, wieder Fuß zu fassen. Er wirft einen Ball an die Wand. Er schreibt sich Faxe mit seinem Freund Kim (dem guten), der weit weg auf einer Wetterstation arbeitet. Sie tauschen Listen aus, was sie als Kinder mochten und was nicht, welche Tiere sie schon gesehen haben, was sie als Erwachsene mögen. Überhaupt, Listen. Er kauft sich ein Hämmerbrett und hämmert. Er findet einen neuen Freund, einen kleinen Jungen aus seinem Wohnblock. Er wünscht sich eine Freundin. Mädchen findet er ziemlich wunderbar. Und seltsam. Aber sie machen, dass alles gut ist. Und er liest ein Buch über Zeit und Einstein und Relativität und das Weltall, und dass es die Zeit möglicherweise gar nicht gibt, und das macht ihn auch irgendwie fertig.
Auf den ersten paar Seiten dachte ich, das nervt. Aber dann kommt man rein, und diese abgehackten Sätze entwickeln ihre ganz eigene Poesie (was natürlich bedeutet: wunderbar übersetzt), ganz zart und filigran. Und hinter allem steht die Erkenntnis, die den Erzähler irgendwann trifft: worauf es ankommt, das ist die Liebe. Und er möchte ein Mensch sein, der die Welt ein bisschen besser macht. Naiv? Und wenn schon. Wenn das naiv ist, dann ist dieses Buch geradezu ein Plädoyer für Naivität. Super ist es auf jeden Fall. Lesen!

Nachdem wir miteinander geredet haben, liege ich auf dem Sofa und lächele. Es ist genauso, als hätte es eben aufgehört zu regnen. Es regnet und regnet endlos, und irgendwann hört es auf. Alles duftet intensiv, und das Laub in den Bäumen hat alle möglichen Grünschattierungen. Es ist so was von komisch mit den Mädchen.
Erst sind sie nicht da, und alles ist etwas anstrengend. Aber dann sind sie da, und alles wird etwas leichter. Es geht unglaublich schnell. Nur ein paar Sekunden, und alles wird leichter.

Erlend Loe bekommt einen Regalplatz zwischen David Lodge und Loriot.

Erlend Loe (Hinrich Schmidt-Henkel): Naiv. Super. KiWi Paperback, 233 Seiten, 7,95 €.
(Das Buch ist 1998 schon mal erschienen unter dem Titel „Die Tage müssen anders werden. Die Nächte auch“.)

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1 Kommentar

  1. Steffi Samstag, 30. April 2011 um 10:31 Uhr [Link]

    Dieses Buch hat letztes Jahr ein Freund zum Geburtstag geschenkt bekommen und die Schenkende schwärmte sooo sehr von dem Buch, dass ich mir vorgenommen hatte, es zu lesen. Das habe ich dann verlässlich wieder vergessen und du hast mich gerade wieder daran erinnert. Jetzt kaufe ich’s aber! Und freue mich drauf.

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