Lucy Fricke: Ich habe Freunde mitgebracht

Henning und Martha sind seit zehn Jahren ein Paar, sie lieben sich, aber irgendwie ist auch Gewohnheit drin, natürlich. Martha wünscht sich ein Kind, Henning hat keine rechte Meinung dazu. Martha haut regelmäßig für eine Weile ab, Henning macht sich Sorgen um die Beziehung, weiß aber auch, dass Martha wiederkommen wird. Außerdem ist er Comiczeichner und bekommt endlich seine erste eigene Veröffentlichung. Jon ist ein erfolgloser Schauspieler, der immer nur Leichen spielt, jetzt aber kurz vor dem Durchbruch steht. Betty ist Filmregisseurin und kurz vorm Nervenzusammenbruch.
Und dann brechen alle zusammen, jeder der vier erlebt seine eigene Katastrophe. Da ist es gut, Freunde zu haben, die einem in dem Moment zwar vielleicht irrsinnig auf die Nerven gehen, weil einem eben das Leben auf die Nerven geht, die aber immerhin da sind.

Lucy Fricke erzählt immer im Wechsel aus diesen vier Perspektiven. Personal, nicht als Ich-Erzähler, aber der schnelle Wechsel ist trotzdem manchmal anstrengend; man hat das Gefühl, da soll so etwas wie „Rasantheit“ hergestellt werden, indem jede Figur immer nur für eine Seite dran ist und dann schon wieder die nächste drankommt. Aber dann gewöhnt man sich daran, die Geschichten verweben sich und es wird doch noch wirklich rasant, und dann kurz ein bisschen zu rasant, und dann kippt die Stimmung, und man möchte sagen: zum Glück. Nach hundert Seiten hätte ich es fast beiseitegelegt (mit dem Gedanken „och, ganz nett“), nach knapp zweihundert Seiten bin ich aber doch froh, es zu Ende gelesen zu haben, obwohl die Figuren einem nicht so richtig nahe kommen. Man versteht mehr mit dem Kopf, dass es ihnen dreckig geht, als dass man es spüren würde. Insgesamt also nicht die ganz große Begeisterung, aber durchaus ein gutes Buch. Besonders gefallen hat mir die Idee, vor Langeweile aufzuwachen, weil man so ödes Zeug träumt.

Lucy Fricke wohnt im Regal zwischen Sir James Frazer und Kinky Friedman.

Lucy Fricke: Ich habe Freunde mitgebracht. Rowohlt, 192 Seiten, 16,95 €

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1 Kommentar

  1. Julia Pühringer Dienstag, 5. April 2011 um 10:28 Uhr [Link]

    Oh, danke für den Hinweis auf den Wohnort des Buches! Ich tu meine nach vielerlei Umstellen jetzt auch einfach alphabetisiere und freue mich mit hämischem Grinsen, wenn die seltsamsten Leute nebeneinanderstehen müssen. Ob die dann nachts reden? Freuen würd es mich. Mach ich auch bei den CDs so, da kommen noch absonderlichere Kombinationen raus.

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