Elizabeth Strout (Sabine Roth): Mit Blick aufs Meer

„Roman“, steht auf dem Cover, man könnte dieses Buch aber ebenso gut als Sammlung von Kurzgeschichten ansehen. Allerdings spielen sämtliche Geschichten in der Kleinstadt Crosby, Maine, und immer wieder taucht darin die Familie Kitteridge auf, vor allem die Mutter Olive – manchmal als Hauptfigur, manchmal huscht sie auch nur am Rande durch eine Geschichte. Und so entsteht wie ein Mosaik das Bild einer Kleinstadt und das Portrait von Olive Kitteridge und ihrer Familie. Eine schwierige Person, streitbar und egoistisch, manchmal geradezu böse; mit ein paar freundlichen Anwandlungen zwar, aber ihr Mann und ihr Sohn haben es nicht leicht. Und sie auch nicht, und das wird mit dem Alter auch nicht besser.
Insgesamt sind das lauter gute Geschichten, aber viele werden nur gestreift und sind zu schnell vorbei; ich glaube, ich hätte lieber Olive Kitteridges Geschichte ausführlicher gehört, und alle anderen auch, irgendwie sind alle zu kurz. Man steckt nur mal eben die Nase hinter verschiedene Türen und guckt dann gleich wieder weg, hat überall nur einen Eindruck bekommen, aber niemanden wirklich kennengelernt, obwohl da lauter große Geschichten drinstecken. Da wäre Stoff für fünf Romane, aber so runtergedampft erreichen mich viele der Figuren nicht richtig. Ich bin wirklich unschlüssig; tolles Buch einerseits, aber andererseits habe ich die meisten Geschichten schon wieder vergessen, bevor ich das Buch zu Ende gelesen habe. (Das mit meinem Gedächtnis nimmt aber langsam auch wirklich erschreckende Ausmaße an.) Das ist natürlich wiederum wie im wirklichen Leben – von den Mitbewohnern in so einer Kleinstadt hat man wahrscheinlich genau diese kurzen Eindrücke, man meint, sie zu kennen, weiß aber doch recht wenig über sie. Insgesamt ist es jedenfalls unbedingt lesenswert, es gibt tolle Stimmungen.

Elizabeth Strout bekommt einen Regalplatz zwischen August Strindberg und Heinz Strunk. Und ich würde dann jetzt gern wieder etwas lesen, das mich so richtig begeistert.

Elizabeth Strout (Sabine Roth): Mit Blick aufs Meer. Luchterhand, 352 Seiten, 19,95 €

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5 Kommentare

  1. Alexandra Montag, 28. Februar 2011 um 19:20 Uhr [Link]

    Hier herrschen auch Leseverdruss und das dringende Bedürfnis, endlich mal wieder ein Buch zu lesen, bei dem das Aussteigen aus der S-Bahn vergessen und die Nächte statt für’s Schlafen zum Lesen verwendet werden… Ich bin für jeden Tipp dankbar!
    Hast Du es schon mal mit den „Ängstlichen“ von Peter Henning versucht? Das liegt hier und ich schleiche drumrum mit der Angst, dass es der nächste Reinfall wird…
    Wenn doch Tilman R. nur mal wieder was Neues…

  2. Isabel Bogdan Montag, 28. Februar 2011 um 20:45 Uhr [Link]

    Wer Tilman R. mag, wird Mariana Leky lieben. Gelesen: Die Herrenausstatterin, das ist sensationell. Jetzt lese ich gerade „Liebesperlen“, ebenfalls großartig.
    Und: schon Katrin Seddig gelesen, Runterkommen? Auch sehr toll.

  3. Isabel Bogdan Montag, 28. Februar 2011 um 20:46 Uhr [Link]

    (Und nee, Peter Henning sagt mir gar nichts.)

  4. Alexandra Dienstag, 1. März 2011 um 13:08 Uhr [Link]

    Oh, wie toll! Da muss ich wohl mal zur Buchhandlung meines Vertrauens gehen und mich eindecken! Danke!!!!!

    Und mal häufiger auf die Leseliste der Isa B. klicken.

  5. Alexandra Dienstag, 1. März 2011 um 14:00 Uhr [Link]

    … und soeben festgestellt: „Runterkommen“ steht schon auf meiner „Unbedingt mal lesen!“-Liste. Dann wird’s ja Zeit.

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