Edgar Rai: Nächsten Sommer

Der Roman beginnt so:
“Wieso kommst Du denn erst jetzt?“ Bernhard sieht mich an, als sei ich ihm eine Erklärung schuldig. „Erste Halbzeit ist schon vorbei.“
In ihm schwelt es. Wie immer, wenn er bei seiner Mutter war. Ich könnte ihm sagen, dass er meine Verspätung nicht persönlich nehmen soll, aber Bernhard nimmt selbst schlechtes Wetter persönlich. Ich könnte ihm auch sagen, dass mich Fußball nicht interessiert, nie interessiert hat und auch nie interessieren wird und ich nicht einmal weiß, wer gegen wen spielt – und nur gekommen bin, weil Marc meinte, ich solle mich nicht immer in meiner Tonne verkriechen. Und weil ich ihm etwas zu erzählen habe.
„Tut mir leid“, antworte ich.

Was der Erzähler Felix seinen Freunden Marc, Bernhard und Zoe zu erzählen hat, ist, dass er ein Haus in Frankreich geerbt hat. Und so fahren die Freunde am nächsten Tag in Marcs klapprigem alten VW-Bus von Berlin aus los nach Südfrankreich, um sich dieses Haus anzugucken. Die Strecke schafft man nicht an einem Tag, man braucht schon drei; wir haben es also mit einer Roadstory zu tun, und zwar einer zunehmend rasanten. Unterwegs werden weitere Personen aufgesammelt, und am Ende … „Am Ende der Straße steht ein Haus am Meer“. Am Ende sind außerdem alle emotional und körperlich ziemlich durchgemangelt, um viele Erfahrungen reicher, vielleicht ein wenig erwachsener. Jedenfalls wird viel nachgedacht, die meisten Figuren stellen sich und ihre Lebensplanung in Frage oder auf den Prüfstand, es wird einiges verarbeitet und anderes kaputtgemacht.

Ich habe dies und das zu kritisieren, sprachlich ebenso wie erzähltechnisch. Konjunktiv zwei! Wenn der Autor das nicht kann, dann soll es doch wenigstens der Lektor können. Gleiches gilt für verunglückte Relativsätze, die plötzlich gehäuft auf wenigen Seiten auftauchen, dann ist der Spuk wieder vorbei. Dann am Anfang des Romans diese Erklärungen, sowas hier: „Diogenes!“, begrüßt er mich. Seit ich in dem Bauwagen wohne, nennt er mich gerne Diogenes, wenn er einen geraucht hat. Danke, das verstehen wir auch so. Es hört dann aber glücklicherweise wieder auf. Dann gibt es Brüche in der Erzählperspektive, der Ich-Erzähler wird manchmal plötzlich allwissend und erzählt uns, was die anderen Figuren gerade denken. Hinzu kommen Kleinigkeiten, Flüchtigkeitsfehler, wie dass jemand etwas in ein Feuer schnippt, das erst auf der folgenden Seite angezündet wird. Egal. Geschenkt. Denn trotz dieser Unausgegorenheiten ist das ein wirklich spannendes Buch, das man gerne weiterliest, mit guten Gedanken drin und lustigen Einfällen und einem Unterton von komischer Verzweiflung und gut gezeichneten Typen, und außerdem will ich sofort ans Meer und am liebsten nach Südfrankreich. Nächsten Sommer.
Edgar Rai bekommt einen hübschen Regalplatz zwischen Rabelais und Rammstedt.

Edgar Rai: Nächsten Sommer. 236 Seiten. Verlag Gustav Kiepenheuer. 16,95 €

1 Kommentar

  1. Der schöne Blog Sonntag, 22. Mai 2011 um 20:18 Uhr [Link]

    [...] Das Buch wurde ebenfalls schön zusammengefasst, kommentiert und diskutiert bei Durchleser’s Blog, Papiergeflüster, aus.gelesen und is a blog. [...]

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