Übersetzen ist eine darstellende Kunst

Der Text, den ein Schauspieler spricht, steht fest, er ist vorgegeben, der Schauspieler kann ihn nicht verändern. Er muss in eine Rolle schlüpfen, sich mit Haut und Haar in jemand anderen hineinversetzen, denken wie er, fühlen wie er, sprechen wie er – dabei aber dennoch aufrichtig bleiben, er selbst bleiben. Er kann kein anderer werden, weil er kein anderer ist. Er muss vielmehr seine Persönlichkeit in die Rolle einbringen, und dabei ebenso sehr sich selbst wie der Rolle treu bleiben. Dazu muss er das Stück natürlich verstanden haben, es richtig und vollständig durchdrungen haben, er muss den Gesamttext begreifen, die Geschichte, den Hintergrund, die Figur und jedes Detail. Wenn er etwas nicht verstanden hat, funktioniert es nicht, dann wird er seine Rolle unbeholfen spielen.
Es genügt nicht, wenn der Schauspieler die vorgegebenen Worte aufsagt. Er braucht auch schauspielerisches Handwerkszeug (kann man lernen) und eine Menge Talent (kann man nicht lernen). Und außerdem braucht er Herzblut, und zwar viel davon, und auch das kann man nicht lernen. Wenn der Schauspieler das Stück liebt, wenn er seine Figur liebt und versteht, wird er besser spielen, als wenn er das Stück verachtet.
Ein schlechter oder lustloser Schauspieler kann das schönste Stück kaputtmachen. Ein guter Schauspieler hingegen kann aus einem mittelmäßigen Stück Ungeahntes herausholen. Mit Herzblut und Handwerk und Talent und Verstand. Es ist eine Kunst, ein Theaterstück zu schreiben, und eine andere, ganz eigene Kunst, es zu spielen.

Genauso ist es auch beim Übersetzen. Übersetzen ist ebenfalls eine darstellende Kunst: jemand schreibt einen Roman (ein Sachbuch, eine Gebrauchsanweisung), und ein anderer schreibt den Text in seiner Sprache neu, mit seinen Mitteln und, ja: mit seiner ganzen Persönlichkeit. Der Übersetzer gibt, ebenso wie der Schauspieler, einen feststehenden Text wieder, von dem er nicht abweichen darf, dem er treu bleiben muss. In Wortlaut, Stil und Rhythmus. Er muss hinter den Autor zurücktreten, die Stimme des Autors nachempfinden, aber eben mit seiner eigenen Stimme. Eine andere hat er ja auch gar nicht.
Der Übersetzer muss das Buch ebenso gründlich verstanden haben wie der Schauspieler das Stück. Nicht nur den Handlungsablauf, sondern auch Hintergründe und Figuren, sämtliche Details und das, was sie zusammenhält, sonst funktioniert es nicht. Und auch der Übersetzer braucht dafür neben seinem Handwerkszeug, nämlich der deutschen Sprache, reichlich Talent und Herzblut. Denn auch der Übersetzer kann, wenn er sein Handwerk nicht beherrscht oder keine Lust hat oder das Buch nicht leiden kann, das schönste Buch kaputtmachen. Und umgekehrt kann ein guter Übersetzer aus einem mittelmäßigen Buch das Beste herausholen. Wenn er mit Leidenschaft und Sachverstand arbeitet, wird die Übersetzung gut. Ebenso wie bei den Schauspielern gibt es Übersetzer, die fast alle Rollen beherrschen, und andere, die immer nur sich selbst spielen oder zumindest auf ein Genre festgelegt sind.

Einmal wurden eine Freundin und ich gefragt, was wir beruflich machen.
„Ich übersetze Bücher“, sagte ich.
„Boah, voll schwer!“, sagte die Dame, die gefragt hatte. „Und Sie?“
„Ich schreibe Bücher“, sagte meine Freundin.
„Boah, noch schwerer!“, rief die Dame.
„Ja“, sagte ich, „das ist wirklich viel schwerer. Da muss man sich ja alles selbst ausdenken!“
„Nein“, sagte meine Freundin, „stimmt doch gar nicht. Übersetzen ist viel schwerer! Da ist man so eingeschränkt, man kann nicht machen, was man will, man muss immer treu sein, und so wahnsinnig genau! Als Autorin kann ich, wenn ich etwas nicht weiß, einfach was anderes schreiben. Und wenn ich etwas Doofes geschrieben habe, lösche ich es halt und denke mir was Neues aus. Das kannst Du als Übersetzerin nicht!“
Wir sind zu keinem Ergebnis gekommen, was nun schwieriger ist. Die Frage ist auch müßig. Ein Buch zu schreiben, ist eine Kunst. Es zu übersetzen, ist eine andere, ganz eigene Kunst.

Flattr this

1 Kommentar

Kommentieren:

Pflichtfeld

Twitter